DEUTSCH

Hans Ulrich Imesch
Weinberglistrasse 47
CH-6005 Luzern

+41 79 21 888 23
imesch@iggz.ch

1.11.1940, 14.10 Uhr in Zürich CH
Johfra: ... Skorpion ist der Kampfplatz heftiger psychischer Zusammenstösse und tiefer Erfahrungen ... Es dreht sich hier alles um die schöpferische Kraft, um das Mysterium von Geburt, Tod und Auferstehung ... Wenn er seinen Giftstachel überwindet wird er ein Mystiker oder ein Wohltäter für seine Mitmenschen ...

1. Geburtstag
... Nach einem Jahr intensiver Beobachtung meiner Umwelt – Objekte, Bauten, Menschen – wusste ich schon etwas Bescheid ...

Mobilmachung
... Vater musste einrücken ... er war an der Grenze stationiert ... Dem Geflüster der Frauen im Treppenhaus entnahm ich, dass die Soldaten an der Grenze, also auch Vater, wenn sie kämen, als Erste erschossen würden. Ich hörte das Wort „Kanonenfutter“.

Heidi
... das Radio war meine Informationsquelle ... Es lief (im Flüsterton) fast ununterbrochen ... Da war von Invasionen die Rede ... von Schlachten ... von Toten ... von Bomben und Panzern ... Städten in Trümmern ... Menschen auf der Flucht ... einem Führer ... von Generälen. Nachts brannte nirgends Licht (damit die Flieger keine Bomben abwerfen) und die Fensterläden blieben meist auch am Tag geschlossen ... Die Stimmung war gespenstisch ... angstgeschwängert ... und ich beobachtete, wie Mutter sich zusammen mit anderen Frauen Gasmasken überzogen und mit Besen und Schaufeln das Treppenhaus hoch- und runterrannten ... Es seien Übungen für den Ernstfall ... Und dann wurde mir gesagt, ICH hätte ein Schwesterchen bekommen. Das nahm ich wörtlich, wehe, wenn ihr jemand zu nahe kam!!!

Auszug
... Es war einfach zu eng zu Hause. Zusammen liefen wir vom Rebhügel zum HB-Zürich, wir wollten wegfahren ...

Küchenbrand
... Als aus dem Wegfahren nichts wurde (die Polizei hat uns nach Hause gebracht) ... blieb uns noch das Spiel mit dem Feuer ...

Chindsgi
... Eigentlich fand ich alle drei toll. Jede trug auf ihre Weise ein Geheimnis, das mich anzog (und beschäftigte), in ihrem Gesicht. Wie sich entscheiden? Meine Mitbewerber fand ich schlicht doof. An den Namen der Lehrerin (nicht auf dem Bild) kann ich mich nicht erinnern. Was geblieben ist: Sie hatte wuunnddeerrsscchhöönnee Beine.

1.–3. Schuljahr
... Ich wusste nicht, weshalb man zur Schule ging. Aber ich liebte sie – die Lehrerin. Sie roch wunderbar. Weshalb ich es nicht wusste? Vater (Verdingbub, Schafhirt, Hilfsarbeiter in Fabriken und dem Stollenbau) fand Schulen einen Blödsinn, unnötiges Zeugs, man lerne da nichts Gescheites fürs Leben. Doch einen Vorteil schien sie ihm, der mich „ungehorsam“, „Phlegma“, „Lama“, „Nichtsnutz“ nannte, zu haben: „Da wird man dir deine Flausen austreiben, die haben ganz andere Methoden.“ Also erwartete ich bei meinem ersten Schulgang eine Art Folterkammer.

Nun sass ich also da, in der Bank, umgeben von Kindern, die bereits lesen, schreiben und rechnen konnten, denen das Lernen Spass machte, die eindeutig gescheit waren und auch schön und vor allem fröhlich. Erstmals stellte ich fest, dass ich irgendwie in einer anderen Welt lebte als die meisten Menschen.

Während die anderen eifrig den Setzkasten benutzten, wenn es um ein Diktat ging, liess ich diesen absichtlich fallen, ich wusste, zur Strafe werde ich vor die Tür gesetzt. In den leeren Hallen des weiträumigen Hauses war mir wohl. Ich lauschte dem Echo des Wassers, das unten in einen Brunnen plätscherte, betrachtete die Formen der Handläufe aus Stein und der Türgriffe aus Schmiedeisen, strich über die Oberflächen der Holzbänke, der Steintreppen und studierte die Fugenteilungen der Steinmauern und den Lichteinfall durch die Fenster.

Hodler und Böcklin
Während des Unterrichts war ich, wie sie sagten, abwesend. Ich muss ihnen Recht geben. Beim Bänklen (Kopfrechnenwettbewerb) war ich stets der Zweitletzte. Der andere war wirklich dumm. An der Wand hinter dem Lehrerpult hing ein Bild. Im ersten Jahr war das Hodlers Tell, im zweiten Böcklins Pest, im dritten Hodlers Holzfäller. Meine Aufmerksamkeit galt diesen Bildern. Wie war das gemacht, dass man die Schreie der verzweifelten Menschen hörte, das Fauchen des Drachens spürte, den Gestank in den Gassen roch, die Schärfe der Beilkante einen bluten, die Kraft des Mannes, der zum Schlag ausholte, beben liess?

Nebenbei: Die Lehrerin roch nicht nur gut, sie war auch lieb. Sie beschäftigte sich mit mir, ich spürte es. Sie schien zu ahnen, dass ich mit irgendwelchen Dingen beschäftigt war, die nicht zum Unterricht gehörten. Wenn ich mich bei einer Turnstunde krank meldete, schien sie zu ahnen, dass ich dies tue, damit meine blauen Flecken auf dem Rücken nicht gesehen werden und vor allem, um mich zu verschonen, sagen zu müssen, woher die stammen. Sie wirkte auf ihre Weise und veranlasste, dass ich im dritten Schuljahr ein paar Monate „zur Erholung“ in ein Heim in den Bergen kam. Und am Schluss frisierte sie meine Durchschnittsnote nach oben, sodass ich das Jahr nicht wiederholen musste. Sie schien von meinem Schwur Kenntnis zu haben und die Meinung zu teilen, dass bei mir der „Knopf“ später aufgehen würde.

Der Schwur (als ich 6 Jahre alt war)
Die Stimmung zu Hause war erdrückend. Vor allem bei den Essen, die lieb- und wortlos eingenommen wurden. Die bleierne Schwere verschlug mir jedes Verlangen nach Essen, ich sass einfach nur da. „Iss, ist es dir wieder nicht gut genug, Undankbarer!!!“ Ich weinte. Bei jedem Essen war das so. Doch einmal war es anders. Vater: „Wenn du noch einmal weinst, schlag ich dich tot.“

Ich wusste, dass diese Möglichkeit bestand. Wie oft hatte er sich doch schon an mir in einen Prügelrausch geschlagen, bis Mutter jeweils endlich aufschrie: „Hör auf, du schlägst ihn noch tot.“ Still und ohne mir etwas anmerken zu lassen sagte ich mir: „Ich will (über-)leben, ich muss da durch, es ist eine Frage der Zeit, wenn ich erwachsen bin, bin ich frei und dann fängt mein Leben an.“

Nach diesem Schwur weinte ich nie mehr. Ich fing an, das Bett zu nässen (die weinende Blase, wie Psychologen sagen). Und ich schwieg. Ich zog mich in mich zurück und beobachtete von da aus die Welt und hinterfragte im stillen Dialog mit mir alles, was ich wahrnahm.

4.–6. Schuljahr
Schläpfer war ein Idealist und dem Schönen und dem Musischen sehr zugetan. Wenn es im Zürcher Opernhaus Statisten brauchte, machte er mit. Wenn wir morgens in die Schule kamen, lief er auf einer Flöte spielend im Klassenzimmer herum.

Er organisierte jedes Jahr zwei Schulreisen (die in den Ferien stattfanden). Einmal durfte ich mit. Sonst hiess es, „wir können uns das nicht leisten, das ist nur etwas für die oberen Zehntausend“.

Aus der Sicht meiner Eltern waren die oberen Zehntausend samt und sonders Gauner, die Studierten eingebildete Taugenichtse, unsere Nachbarn Übeltäter mit einem ungeordneten Familienleben. Dass der Kollege, mit dem ich zur Schule ging, Sackgeld hatte und sich unterwegs beim Bäcker ein Guetzli kaufen konnte, war, weil es bei denen zu Hause eben nichts Richtiges zu essen gab.

Besagter Kollege war Klassenbester. Warum? Weil die zu Hause mit ihm rechneten, schrieben, Spiele machten, bei denen es auch ums Denken ging. Ich konnte zu Hause nicht nachfragen, wenn ich beim Rechnen oder Schreiben Probleme hatte und wenn wir spielten, was selten war, dann „Eile mit Weile“.

Schulschluss
Ich hatte das Glück, dass die Stadt Zürich gerade eben das Modell „Oberstufe“ lanciert hatte für besondere (schwierige) Menschen, die den Zugang in die Sekundarschule nicht schafften, aber doch auch nicht so dumm waren, um ihre Schulzeit mit den normalen 7., 8., 9. Schuljahren auslaufen zu lassen. Dieses Zwischending war für mich und für viele andere gerade richtig. Wir waren eine sogenannte Versuchsklasse, an der das Modell getestet wurde.

Unser gemeinsamer Nenner war, dass wir alle pubertierten und uns für den Lehrstoff überhaupt nicht interessierten, dafür umso mehr für das jeweilige Gegengeschlecht. Es war die Zeit, in der man sich in Schrebergärten traf, um das Küssen und Schmusen zu erlernen, wo Mann in den Klassenlagern am Zimmer des Lehrers, das in der Mitte lag, vorbei in die Zimmer und Betten der Mädchen schlich.

Pubertät
Wichtig zu dieser Zeit war auch das sportliche Körpertraining. Mit einem Kollegen ging ich jede Woche ins Hallenbad. Wir schwammen mehrere Kilometer und unser besonderer Ehrgeiz war, die Länge (50 m) des Beckens in einem Zug zu tauchen (was wir auch schafften). Dann kaufte ich mir ein Rennrad. Schliesslich wohnte Hugo Koblet gleich um die Ecke (das Geld dafür habe ich mir mit Auslaufdiensten bei einer Textilfirma verdient). Das Rennrad wurde eifrig benutzt. Allein oder mit Kollegen fuhr ich ein- oder zweimal die Woche um den Zürichsee. Am Sonntag fuhren wir über den Sattel oder den Klausen oder andere Pässe und schliesslich nahmen wir an Velorennen teil.

Talente
Es gab aber ein Fach, das mich anzog und in dem ich echt gut war, das war „Darstellende Geometrie“. Dann hatten wir „Religionsunterricht“. Und siehe, der Pfarrer nannte mich „unseren Spezialisten fürs Alte Testament“. Ich hatte einmal in der Pestalozzi-Bibliothek „Die Bibel in Bildern von Julius Schnorr von Carolsfeld“ ausgeliehen. Carolsfelds Bilder waren faszinierend, ich verbrachte Stunden in ihnen. Eigentlich war da angedeutet, dass das Denken in Bildern, das eben auch das Emotionale einschliesst, meine Stärke ist.

Berufswahl
Es war purer Zufall. 1956 machte ich in einem Turnverein mit. Eines Abends beim Umziehen in der Garderobe fragte ein Kollege: „Du kommst doch jetzt aus der Schule, was lernst du eigentlich?“ Ich sagte, dass ich das nicht wüsste. Entweder Grafiker oder Maschinenzeichner. Er meinte: „Lerne Hochbauzeichner, da hast du beides, das Künstlerische und das Technische. Zeig mir mal deine Zeichnungen, wenn die etwas wert sind, empfehle ich dich meinem Lehrmeister, ich schliesse nämlich gerade ab.“

Koni, wie der Kollege hiess, fand meine Zeichnungen nicht übel, übergab mir aber noch ein ganzes Bündel ziemlich schwieriger Zeichnungen, ich solle die abzeichnen.

Dann kam der Tag des Vorstellungsgesprächs. Ich erinnere mich, obschon ich wusste, was auf dem Spiel stand, nicht nervös, sondern eher in freudiger Erwartung gewesen zu sein. Kurt Pfister, ein grosser Mann im weissen Kittel, studierte meine Zeichnungen aufmerksam. Ich merkte, dass sie ihn erstaunten. Dann fragte er, weshalb ich Hochbauzeichner werden wolle. Ich sagte, Bauten würden mich irgendwie anziehen. Dann erzählte ich ihm von meinen Wahrnehmungen in den einsamen Hallen des Schulhauses Sihlfeld.

Lehre
Als dann der Brief kam, den Mutter mit zitternden Händen öffnete und in dem geschrieben war, dass ich ausgewählt worden sei, entstand in mir in aller Stille ein unendlich schönes Gefühl tiefer Zufriedenheit.

Jetzt blühte ich auf. Es öffnete sich eine Welt, in der ich mich wohlfühlte. Vater sagte, „jetzt sind wir dir endgültig nicht mehr gut genug“. Er tat mir leid. Sonderbarerweise verstand ich viel von dem, was die Techniker und Architekten um mich besprachen. Aber vorerst ging es um den rein handwerklichen Drill, das Zeichnen von horizontalen Strichen mit Bleistift und Tusche in einem Abstand von 1 mm auf ein A3 grosses weisses Papier, bis dieses voll war. Dann kamen die vertikalen Linien dazu. Ebenfalls in einem Abstand von 1 mm.

1. Hausbau
Im zweiten Lehrjahr kam der Lehrmeister mit einer Skizze für ein Refugium in einem steilen Waldstück der Churfürsten am Walensee, ich solle die Werkpläne dafür zeichnen, mit den Unternehmern verhandeln und die Bauleitung übernehmen. Zuerst definierte ich das Projekt. Gegen den Hang eine Betonmauer, davor und gegen den See ein Holzständerbau. Die Techniker verrieten mir (der ich im Rechnen stets ungenügend war) die (nicht ganz unkomplizierten) Formeln (denen ich durchaus folgen konnte) zur Berechnung der Balkenquerschnitte. (Das Haus steht noch heute.)

1. Entwurf
Pfister orderte mich im dritten Lehrjahr den Herren Zünd und Waldvogel zu, die für die Entwurfsarbeiten zuständig waren. Manchmal sah ich die Lösung für ein Problem, an dem sie rumknorzten, aber ich wagte nicht, etwas zu sagen. Bis mir einmal der Kragen platzte. Zu meiner Überraschung bekam ich keine Schelte. Die Herren schauten mich überrascht an. Sie ahnten jetzt mein Potenzial und begannen mit dessen Förderung. Ich bin ihnen dafür unendlich dankbar.

Meine erste selbstständige Entwurfsarbeit, die ich als freiwilligen Beitrag beim Lehrlingswettbewerb abgab, war ein Einfamilienhaus. Meine Eingabe wurde aber nicht berücksichtigt, ich erfuhr dann, dass die Jury der Meinung war, dass dieses Projekt unmöglich die entwerferische Arbeit eines Lehrlings sein konnte.

1. Wettbewerbsteilnahmen
Noch in der Lehre erlaubte mir Pfister, selbstständig an einem von der Stadt Zürich öffentlich ausgeschriebenen Projektwettbewerb teilzunehmen (Primar- und Sekundarschulhaus in Witikon). Ich finde den Entwurf noch heute gut, aber ich flog im zweiten Durchgang raus. Natürlich war ich enttäuscht, aber ganz und gar nicht deprimiert. Ich liess gleich bei der Gemeinde Wohlen, die einen Projektwettbewerb für ein öffentliches Gartenbad ausschrieb, die Unterlagen kommen. Immerhin gelangte mein Entwurf diesmal bis zum letzten (4.) Durchgang vor der Rangierung.

Intermezzo Militärdienst
Wie es heute ist, weiss ich nicht, aber damals war es die Regel, dass Mann militärischen Dienst zu leisten hatte. Die Grundausbildung geschah im Rahmen einer sogenannten Rekrutenschule. Diese dauerte vier Monate, ich absolvierte sie als Gebirgsschütze in Bellinzona.

Ich bin ja nicht gerade die prototypische Inkarnation des Mars und meine ausgesprochen individualistische Art eignet sich wenig für kollektiv gestimmten Patriotismus. Aber: Ich empfehle jedem jungen Menschen (heute ist das ja auch für Frauen möglich), eine solche Schulung zu durchlaufen.

Ich werde es nie praktisch brauchen, und trotzdem ist mir die Erfahrung wichtig, wie es ist, scharfe Handgranaten zu werfen, Häuser im Kampf einzunehmen, Schluchten auf Seilen liegend zu überqueren, Nachtgefechte mit Leuchtspurmunition zu bestreiten, mit schwarz angemalten Gesichtern auf Patrouille zu gehen, stundenlang allein an einsamem Ort Wache zu stehen. Und auch die unendlich strapaziösen Märsche durch unwegsames Gelände am Tag und in der Nacht (ohne Taschenlampe), die Schneebiwaks bei Minustemperaturen, das Mitschleppen sagenhaft schwerer (und im Grunde unbrauchbarer) Lasten bleiben mir, was die Stärkung meines Durchhaltewillens betrifft, in bester Erinnerung.